Der 4Players Kommentar: Verschont uns mit Software-Schrott für Switch!

 

Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 32
Montag, 05.08.2019

Verschont uns mit Software-Schrott für Switch!


In mancher Hinsicht erinnert mich Nintendos Kreuzung aus stationärer und Unterwegs-Konsole an die PSP. Denn ähnlich wie auf Switch erschienen auch für Sonys ersten Handheld zahlreiche Versionen bekannter Spiele – mal mehr, mal weniger gut an die Besonderheiten der Hardware angepasst. Immerhin besaß die PSP nur einen Analogstick und gerade mal zwei Schultertasten.

Keine Handheld-Variante lief also genau wie ihr Original, von visuellen Unterschieden ganz zu schweigen. Was kein Beinbruch war, da viele Umsetzungen trotzdem sauber funktionierten und das allgemeine Lineup nicht nur von Zweitverwertung, sondern auch von starken exklusiven Produktionen geprägt war. Ganz ähnlich wie das der Switch, die ja kein Prozessorwunder ist.

Versteht mich nicht falsch: Etwas Besseres ist der Konsolenlandschaft lange nicht passiert! Ich genieße den nahtlosen Übergang von Fernsehstuhl- zu Überall-Zocken jedenfalls in vollen Zügen; mit exklusiven Titeln genauso wie mit Umsetzungen. Etliche Entwickler beweisen, dass eine technisch schwächere Hardware sowie etwas andere Controller nichts mit spielerischer Qualität zu tun haben. Assault Android Cactus kam sogar mit größerem Umfang als alle vorherigen Versionen heraus. Rolling Gunner läuft butterweich, obwohl es selbst auf meinem PC die 60 Sekundenbilder nicht immer halten kann. Und Final Fantasy 12 läuft zwar nicht mit 60, aber mit stabilen 30 Bildern pro Sekunde, was einem gemächlichen Rollenspiel ausreichend gut zu Gesicht steht. Sprich: diese und etliche weitere Titel wurden mit großer Sorgfalt Switch-fertig gemacht.

Nur gibt es eben auch Entwickler, die von Sorgfalt scheinbar ziemlich wenig halten. Die vielmehr auf große Mengen im Umlauf befindlicher Konsolen schielen sowie auf die guten Verkaufszahlen mancher Titel und sich dann denken: Lass uns unser grafisch aufwändiges Spiel, das auf PC und Xbox One gerade so mit 60 Bildern pro Sekunde läuft, mal schnell auf Switch konvertieren. Eine niedrigere Auflösung wird’s schon richten...

Und schon entstehen Umsetzungen, deren katastrophale Bildrate einer Zumutung gleichkommt, und die zu allem Überfluss in keiner Form an die Besonderheiten der Switch-Controller angepasst wurden. Es geht mir an erster Stelle um Katastrophen wie GRIP und Xenon Racer, die ich als absolute Frechheit empfinde. Es geht mir außerdem um Titel, die auf Switch zumindest deutlich schlechter laufen als auf allen anderen Plattformen, darunter Saints Row: The Third, Team Sonic Racing und Redeemer. Und man muss auch grundsätzlich anständige Versionen wie Pawarumi oder Red Faction: Guerrilla erwähnen, denen man anmerkt, dass wohl irgendwann irgendjemand gesagt hat: „Ist schon okay so. Läuft nicht perfekt, aber den Meisten fällt das eh nicht auf.“

Mit Sicherheit sind nicht immer die Entwickler Schuld daran! Ich kann mir gut vorstellen, dass in vielen Fällen der Publisher eine Switch-Fassung verlangt. Immerhin kommen zahlreiche Umsetzungen nicht von der „Quelle“, sondern einem zuvor nicht am Spiel beteiligten Studio, das womöglich unter Zeitdruck ein brauchbares Ergebnis fabrizieren musste. Mein Appell ist daher keine Generalanklage, sondern richtet sich an die nach schnellem Umsatz lechzenden Personen, denen die Qualität ihrer eigenen Projekte offenbar scheißegal ist: Verschont uns mit eurem Software-Schrott!

Habt doch wenigstens den Anstand, eure Spieler ernst zu nehmen, anstatt sie mit runterkonvertierten Resten abzuspeisen! Wenn ein anspruchsvolles Rennspiel wie GRIP, das ursprünglich nie für den Konsolen-Mischling gedacht war, nur mit Verzögerungen, einer teils unterirdischen Bildrate und einer miserablen Auflösung läuft, dann kann man das doch nicht trotzdem veröffentlichen, sondern muss es eben lassen. Und wenn die Kämpfer in WWE 2K18 viel eher sprechen als sie ihre Lippen bewegen, weil die Grafik schon in den Filmszenen mit gewaltigen Slowdowns zu kämpfen hat und Matches mit acht Kämpfern sogar gestrichen werden mussten, weil das Geschehen bereits mit sechs Wrestlern kaum noch vernünftig spielbar ist, dann hätte man auch diese Umsetzung streichen sollen.

Wären das seltene Einzelfälle, könnte man sie unter „schnell vergessen“ abhaken. Nur ist es inzwischen so, dass man bei jedem Spiel verdammt genau hinschauen muss, bevor man ihm sein Vertrauen schenkt. Was bis zu einem gewissen Grad natürlich für jeden Titel auf allen Plattformen gilt. Auf Switch kommen derartige Ärgernisse jedoch auffallend häufig vor.

Wie gesagt: Es geht um mehr als um Totalausfälle. Es geht auch um ärgerliche Kleinigkeiten wie die Eingabeverzögerung in Pawarumi, eine instabile Bildrate in Red Faction: Guerrilla oder eine schlechte Online-Performance in Team Sonic Racing. Warum werden derartige Spaßbremsen nicht beseitigt, bevor ein Spiel erscheint? Lieber spät als schlecht spielbar!

Das hat ja nicht nur mit Technik zu tun, sondern auch mit Besonderheiten der Hardware, welche viele Entwickler lieber ignorieren, anstatt sich ernsthaft mit der Plattform zu befassen, auf der sie arbeiten. Da sind z.B. die sehr kurzen Hebelwege der Analogsticks auf den Joycons: Überträgt man die Werte eines PS4-Spiels ohne jede Anpassung, hat man auf Switch naturgemäß weniger Kontrolle im Detail. Stattdessen müsste die Übertragung der Stick-Eingaben auf die Spielfigur ebenso verändert werden wie deren Beschleunigung und eventuell noch weitere Bewegungsparameter. Eine fast digitale Eingabe verlangt andere Werte als eine mit größerem analogen Spielraum.

Letzteres trifft ganz besonders auf Fahrzeuge zu, denn die rein digitalen Abzüge der Unterwegs-Hardware sind nun mal etwas anderes als die sonst analogen Schultertasten. Was tun daher die meisten Entwickler? Sie verzichten logischerweise auf das feine Dosieren von Gas und Bremse – passen das Verhalten der Fahrzeuge aber in keiner Weise der neuen Steuerung an. Und so fühlen sich besonders Rennspiele oft deutlich schlechter an als auf anderen Systemen.

Es ärgert mich dann einfach, wenn ein Spiel, das ich unheimlich gerne unterwegs gespielt hätte, wichtige Teile der Spielmechanik so sträflich vernachlässigt. Oder so unsauber läuft, dass ich es eher von der Speicherkarte lösche, als mich mit etwas herumzuplagen, das anderswo viel besser funktioniert. Oder den Touchscreen ignoriert, obwohl der manchmal eine hervorragende Alternative zu einer stur von anderen Gamepads übernommenen Steuerung wäre.

Dann lasst es doch lieber bleiben! Oder investiert mehr Arbeit in eine sorgfältige Umsetzung. Mag sein, dass Geld im eShop schnell gemacht ist. Gute Spiele sind es jedenfalls nicht.

Benjamin Schmädig
Redakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Xris schrieb am
an_druid hat geschrieben: ?
14.08.2019 21:57
bentrion hat geschrieben: ?
07.08.2019 15:13
Ich sehe hier nicht nur die Schuld bei den Publishern, sondern auch bei Nintendo selbst.
Klar freuen die sich über den Haufen Software, der auf ihrer Konsole angeboten wird. Aber wo bleibt denn hier bitte das "Nintendo Quality Seal"?
Meiner Meinung nach sollte Nintendo tatsächlich strenger sein, was die Software Releases angeht. Nicht nur die FPS Katastrophen, aber auch der zahlreiche Handyschrott hätte nicht sein müssen.
Immerhin gibts es genügend positive Beispiele und wer den Schrott kauft, ohne sich vorher zu informieren, der ist dann selbst dran Schuld und fördert die Entwicklung auch noch..
Jup. Es ist aber leider auch Teils die Hardware. Wenn die MAxperformance unter den Mindestvoraussetzungen läuft, braucht man sich bei AAA der großen Bublisher nichts zu erwarten. Vor allem wenn nächstes Jahr die Grafikkracher kommen. Sollen die Entwickler dan noch mal ne Extraversion nur für Switch entwickeln oder vieleicht für 480P-Version bringen?! Irgendwo, irgendwann wird sicher ne Grenze gezogen. Die Leute wollen auch nicht die schlechtere Version haben.
Ich finde Nintendo sollte die gleiche Politik wie bei N64 und Cube fahren egal ob HH oder Konsole.
Die Grafikkracher? Wann ist nochmal die One X erschienen? Und in der steckt auch keine High End Hardware. Mittelklasse aus dem Jahr 2017. Beim üblichen Konsolenpreis wird nächstes Jahr erstmal so gut wie nix passieren. Das mögliche Hardwareupgrade (fuer max 500 Euro im VK) gegenüber Pro und X ist noch deutlich geringer als im Vergleich die aktuelle Gen zur Last Gen.
casanoffi schrieb am
an_druid hat geschrieben: ?
20.08.2019 13:28
Um Spielspaß ging es mir nicht sondern um Portierungen. Damit ist einfach nur Anpassung von Hardwareleistung gemeint. Ich glaube niemend ist hier gegen Spielspaß oder technischen Fortschritt der miteinhergehen kann.
Ok, da hatte ich Dich falsch verstanden.
Aber ich denke, die (schwächere) Performance ist vielen Spielern dann doch nicht (so) wichtig.
ronny_83 schrieb am
an_druid hat geschrieben: ?
20.08.2019 13:28
Tun sie aber nicht. Deswegen die Probleme mit den Ports!
Die Umsetzungssituation von Spielen für die Switch bessert sich ja auch zunehmend. Klar ist die Chance von Umsetzungen superaufwendiger Spiele geringer und in einigen Fällen wohl auch eher technisch unplausibel. Aber mich beschleicht das Gefühl, dass oft Umsetzungen von ausgerechnet den Unternehmen fehlen, die eigentlich die meiste Kohle in der Tasche haben, aber eher investorengesteuert sind. Da scheint jede Geldausgabe eine zuviel. EA hat sowas in der Richtung ja neulich sogar mal nach außen getragen.
Umsetzungen von Need For Speed, Sims oder einem COD für die Switch sollten alle machbar sein. Aber anscheinend verbieten es Investorentreffen und Firmenpolitiken, dass man sich noch zusätzlich den Finger krum macht, sondern die Länderein abgrast, die noch eine ausreichend feste Ernte einfahren.
Kurzum: in vielen Fällen ist es keine Sache der Machbarkeit, sondern der Politik.
yopparai schrieb am
In dem Fall kann ich dich beruhigen: Es gibt tatsächlich Leute, die die nach dieser Definition schlechtere Version haben wollen. Deswegen werden die weiter entwickelt.
an_druid schrieb am
casanoffi hat geschrieben: ?
17.08.2019 14:36
an_druid hat geschrieben: ?
14.08.2019 21:57
Sollen die Entwickler dan noch mal ne Extraversion nur für Switch entwickeln oder vieleicht für 480P-Version bringen?!
Wenn man sich davon genug Verkäufe auf der Switch verspricht, selbstverständlich.
Tun sie aber nicht. Deswegen die Probleme mit den Ports!
yopparai hat geschrieben: ?
19.08.2019 09:11
casanoffi hat geschrieben: ?
17.08.2019 14:36
an_druid hat geschrieben: ?
14.08.2019 21:57
Die Leute wollen auch nicht die schlechtere Version haben.
Sprich bitte nur für Dich selbst. Was andere wollen, musst Du schon denen überlassen.
Vor allem ist gar nicht so eindeutig, was ?schlechter? überhaupt bedeutet. Ein Doom, das mich nicht vor die Glotze fesselt ist für mich persönlich eher besser. Für jemand anderen mag das so irrelevant sein wie für mich eben die schwankende Auflösung in größeren Gefechten.
Aber klar, sollen sie doch N64 und Gamecube wiederholen, die waren ja so irre erfolgreich. Das hält den Laden bestimmt auf Dauer am Laufen...
Um Spielspaß ging es mir nicht sondern um Portierungen. Damit ist einfach nur Anpassung von Hardwareleistung gemeint. Ich glaube niemend ist hier gegen Spielspaß oder technischen Fortschritt der miteinhergehen kann.
schrieb am